Kirche mit Pfarrhaus

Stellen Sie sich bitte vor, Sie gehen langsam über das Kopfsteinpflaster des alten Dorfangers von Wustrau. Zwischen den Ästen der großen Linde öffnet sich der Blick auf die Dorfkirche – ein Bauwerk, das nicht nur Steine, sondern ganze Jahrhunderte trägt.

Ihr Ursprung liegt vermutlich im 13. Jahrhundert als spätgotischer Feldsteinbau. Damals, im Mittelalter, als hier noch Ochsenkarren die Wege zogen und das Dorf nur aus ein paar Höfen bestand, errichteten die Bewohner ein schlichtes Gotteshaus aus Feldsteinen. Der Raum war nicht viel mehr als ein Saal, kühl und dunkel, mit kleinen Fenstern, durch die das Licht wie dünne Messer schnitt.

Doch in Wustrau waren Feuer ein ständiger Begleiter der Geschichte. 1631 brannte die Kirche nieder – gemeinsam mit dem Pfarrhaus und mehreren Nebengebäuden. Man baute sie wieder auf, mit der Zuversicht jener Zeit, die trotz Seuchen, Kriegen und Hunger die Hoffnung nicht verlor. Nur sieben Jahre später, 1638, fiel das Gotteshaus erneut einem Brand zum Opfer. Vielleicht standen die Dorfbewohner damals schweigend vor den verkohlten Balken und fragten sich, ob dieser Ort jemals Ruhe finden würde.

Auch der Kirchturm schien jahrhundertelang ein eigenes Schicksal zu besitzen. 1694 schlug der Blitz ein und zerstörte ihn. 1756 wiederholte sich das Unheil. Erst 1781 entstand der Turm, den wir heute sehen – ein barockes Bauwerk, das auf den Dorfplatz herabblickt wie ein stiller Zeuge dieser unruhigen Zeit. Im selben Jahr bekam die Kirche eine Glocke, deren Klang über die Felder trug und den Tagesrhythmus der Menschen bestimmte.

Der 18. Jahrhundert-Geist fand schließlich auch im Inneren seinen Ausdruck: Auf Wunsch Friedrichs des Großen erhielt die Kirche barocke Formen – ein Hauch preußischer Eleganz in einem märkischen Dorf.

Als das 19. Jahrhundert anbrach, veränderte sich das Gotteshaus erneut. 1883 wurde die neuromanische Apsis angebaut, dazu die Vorhalle an der Nordseite. Die Fenster wurden größer, Licht strömte in den Kirchenraum und ließ Staubkörner wie kleine Planeten im Sonnenstrahl tanzen.

Die Grafenfamilie von Zieten-Schwerin übernahm über Generationen hinweg Verantwortung für die Kirche und ihre Ausstattung. Sie ließen restaurieren, ergänzen, bewahren. 1911, zur Goldenen Hochzeit eines Grafenpaares, erhielt die Kirche eine reich geschmückte Kassettendecke, barock anmutend, mit Blattwerk, das beinahe zu wachsen scheint. Nach dem Tod seiner Gattin ließ Graf von Zieten-Schwerin ein farbglühendes Mosaik im Kirchenraum anbringen – ein stiller Ausdruck seiner Trauer und Liebe.

Im 20. Jahrhundert trafen die Kirche erneut harte Zeiten: Kriege, Vernachlässigung, technische Notlösungen wie der Ersatz der Bronzeglocke durch eine Eisenglocke 1923. Erst in den späten 1980er Jahren begann eine umfassende Restaurierung, die das Innere wieder in jenen Glanz tauchte, der heute Besucher überrascht. 1991 wurde die Kirche feierlich wiedereingeweiht. Seither wurde weiter instand gesetzt: der Turm, das Dach, die Glockentechnik.

Nur wenige Dorfkirchen Brandenburgs besitzen eine derart reiche Ausstattung – und ebenso reich sind die Geschichten, die zu ihr gehören.

Gleich nebenan steht das Pfarrhaus, 1737 unter dem Prediger Marwede erbaut. Ein Haus, das Predigttexte, Kinderlachen und den Duft von Suppentöpfen über die Jahrhunderte in sich aufgenommen hat. In den letzten Kriegstagen 1945 traf Artilleriebeschuss das Gebäude schwer. Es blieb lange leer, stumm und beschädigt. Erst 1992 konnte es mit städtebaulichen Mitteln saniert werden; 1997 erhielt es seine Bestimmung zurück. Heute ist es ein lebendiger Mittelpunkt des Dorfes – mit Pfarrbüro, Winterkirche, Gemeinderäumen und Wohnungen.

Wenn du den Weg weitergehst, öffnet sich der angrenzende Friedhof. Eine stille Anlage, die dennoch voller Geschichten steckt. Unter den alten Bäumen ruht Hans-Joachim von Zieten, Husarengeneral, Legende seiner Zeit. Neben ihm seine zweite Frau Hedwig Elisabeth Albertine von Platen und seine Eltern. Der Wind streicht über ihre Grabsteine, als trüge er die Erinnerungen an Schlachten, Hofleben und lange märkische Winter weiter.

Unter der Linde an der Kirche liegt das Grab seines Sohnes, Friedrich Christian Ludwig Emil von Zieten – der letzte dieser Linie in Wustrau. Zwei Gedenksteine erinnern an die Ehrungen, die die Zieten’schen Husaren ihrem General erwiesen haben.

Folgt man der Eichenallee, gelangt man zum gräflichen Friedhof. Hier ruhen Constance und Albert Julius zu Zieten-Schwerin, die letzten Besitzer des Schlosses Wustrau. Auch ihre Kinder finden sich hier – darunter Curd von Schwerin, dem ein Denkmal gesetzt wurde. Er kehrte von einer Seereise nicht zurück, und die Stille seines Grabes erzählt die Geschichte eines Lebens, das auf dem Meer endete.

Die Kirche, das Pfarrhaus, die Friedhöfe – sie formen ein Gewebe aus Leben, Tod, Hoffnung, Feuer, Wiederaufbau und Fürsorge. Wer durch Wustrau geht, wandert nicht nur durch die Jahrhunderte, sondern auch durch jene Geschichten, die dieses Dorf geprägt haben. Jede Mauer und jeder Stein tragen die Spuren der Menschen, die hier lebten, bauten, litten und liebten.

Die Geschichte endet nicht. Sie liegt hier in der Luft – und begleitet dich weiter, sobald du den Kirchturm hinter dir lässt.

Heimat- und Kulturverein
Wustrau-Altfriesack e.V.
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